Eine Farm mit ausgestalteten Käfigen. (Schweden)

Fünf Jahre, eine halbe Milliarde Hühner: Wie die EU-Kommission ihr eigenes Versprechen bricht

Am 30. Juni 2021 hat die Europäische Kommission schriftlich versprochen, ein Verbot der Käfighaltung vorzuschlagen. Fünf Jahre später gibt es noch immer kein Gesetz – und in dieser Zeit haben mehr als eine halbe Milliarde Legehennen ihr gesamtes Leben in Käfigen verbracht.

Die Zahlen hinter dem gebrochenen Versprechen

Wir haben das erstmals durchgerechnet, auf Basis der eigenen Eiermarktstatistiken der Kommission. Das Ergebnis: Rund 560 Millionen Hühner – Generation um Generation – wurden seit dem Versprechen in Käfige gesperrt. Und die Zahl wächst weiter: Jede Woche, in der das Gesetz ausbleibt, kommen etwa zwei Millionen weitere Hennen dazu.

Ein Versprechen als Antwort auf 1,4 Millionen Unterschriften

Das Versprechen von 2021 kam nicht aus dem Nichts. Es war die Reaktion der Kommission auf „End the Cage Age“ – eine der größten demokratischen Bürgerinitiativen in der Geschichte der EU. 1,4 Millionen Europäer*innen hatten unterschrieben, darunter 474.753 aus Deutschland. Die Kommission verpflichtete sich daraufhin, bis Ende 2023 einen Gesetzesvorschlag vorzulegen.

2023 ist längst vorbei. Passiert ist: nichts. Zumindest nichts Verbindliches – die kürzlich verabschiedete EU-Nutztierstrategie kündigt lediglich an, „bis Ende 2026″ einen Vorschlag vorzulegen. Ein weiteres Datum, ein weiteres Versprechen.

Die Käfiglobby will bis 2045 weitermachen

Während die Kommission zögert, ist die andere Seite aktiv geworden. Interne Dokumente von COPA-COGECA, dem größten europäischen Agrarlobbyverband, zeigen: Man wolle umstrittene tierische Erzeugnisse „genauso wie Tabak“ verteidigen – das erklärte der damalige Generalsekretär laut Recherchen von „Grilled“ und dem „Guardian“ gegenüber dem eigenen Vorstand.

Konkret fordert der Verband eine Übergangsfrist von mindestens 15 Jahren – gerechnet ab heute würde das bedeuten: Käfige bis 2045. Träte das ein, würde sich die Zahl der betroffenen Hühner auf über eine Milliarde verdreifachen.

Wie eng dieser Draht zur Kommission ist, zeigt eine Auswertung des Transparenzregisters durch Animal Equality: Die zuständigen Kommissare und ihre Kabinette trafen sich 46 Mal mit Vertreter*innen der Fleisch-, Geflügel- und Milchindustrie zum Thema Tierschutz – und nur 7 Mal mit Tierschutzorganisationen.

Was die Bürger*innen wollen, ist längst bekannt

Dabei ist offen, worauf sich die Kommission stützen könnte, wenn nicht auf die eigene Bevölkerung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt den Ausstieg aus der Käfighaltung wissenschaftlich fundiert. Neun von zehn Europäer*innen lehnen Käfighaltung ab. Und als die Kommission 2025 direkt nachfragte, sprachen sich 99 % der rund 190.000 Teilnehmenden an ihrer eigenen Konsultation für einen Ausstieg aus – bereits zum zweiten Mal dieselbe klare Antwort auf dieselbe Frage.

Es ist machbar – Deutschland hat es vorgemacht

Das Argument, ein Ausstieg sei nicht umsetzbar, widerlegt die Praxis längst. 55 bis 60 Prozent der EU-Legehennen leben bereits heute außerhalb von Käfigen. Fünf Mitgliedstaaten – Österreich, Luxemburg, Deutschland, Tschechien und Slowenien – haben Käfige gesetzlich verboten. Deutschland, der größte Eiermarkt der EU, hat seinen Ausstieg zum 1. Januar 2026 abgeschlossen: 99,3 % der deutschen Legehennen leben inzwischen käfigfrei.

Selbst der von der Branche geforderte Zeitrahmen von 15 Jahren – gerechnet ab dem Versprechen von 2021 – würde bedeuten: 2035 verlässt die letzte Henne den letzten Käfig. Das ist der Zeitpunkt, den wir gemeinsam mit anderen Organisationen jetzt fordern.

Unsere Forderung

Thomas Hecquet von Animal Society bringt es auf den Punkt:

„Das sind nicht einmal neue Forderungen. Wir verlangen lediglich, dass die Kommission einhält, was sie bereits vor fünf Jahren versprochen hat. Die Kommission kann dem jederzeit ein Ende setzen – indem sie die letzte Käfighaltung bis 2035 einstellt und als Institution beweist, dass die EU ihr Wort gegenüber ihren Bürger*innen hält.“

Kommissionspräsidentin von der Leyen hat dieses Versprechen persönlich mitgetragen – und ihr eigenes Heimatland hat gezeigt, dass es funktioniert. Jetzt liegt es an der Kommission, zu beweisen, dass sie zuhört, wenn 1,4 Millionen Europäer*innen ihre Stimme erheben.

Hintergrund
Alle Zahlen, Quellen und Dokumente zu dieser Recherche findet ihr in unserer offiziellen Pressemitteilung.
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